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Das geschenkte Leben  

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Tief und genussvoll inhalierte er den Rauch seiner Zigarette, schnippte den Filter in das Gleisbett und erhob sich langsam von der unbequemen Bank aus Drahtgeflecht. Mit seiner Laptoptasche über der Schulter verließ er langsam den Bahnsteig, fuhr mit der Rolltreppe hinunter in die Bahnhofshalle, wo sich zu dieser späten Stunde nur wenig Reisende aufhielten. Aus dem Lautsprecher tönte eine Ansage, die einen Passagier aufforderte zum Servicepoint der Bahn zu kommen. Von einem ihm entgegenkommenden Pärchen bekam er gerade noch ein paar Wortfetzen ihres Streites mit, auf welcher Seite des Bahnhofs denn nun der Taxistand sei. Ein paar Tauben, die sich auf der Suche nach ein paar Krümeln in die Halle verirrt hatten, stoben auf, als das streitbare Paar an ihnen vorbeieilte. Ein Mann vom Reinigungspersonal fuhr mit einer Kehrmaschine an ihm vorbei, während ein anderer damit beschäftigt war, die Plastiktüten in den Mülleimern zu wechseln. Die meisten Geschäfte, in denen tagsüber hektisches Treiben herrschte, waren dunkel und verschlossen. Nur aus einer kleinen Pinte auf der anderen Seite des Ganges drang der ewig gleiche, monotone Lockruf eines Geldspielautomaten zu ihm herüber. Die Nacht war endgültig über den Tag gekommen. Und er, Carsten Wanke, sollte eigentlich im City-Night-Liner 1289 nach München sitzen. Eigentlich… 

 

Er betrat die Kneipe durch die offene Tür und setzte sich an den Tresen, an dem ein Gast in einem schäbig wirkenden Anzug saß. Schräg gegenüber, an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke des schmalen Raumes, diskutierten zwei Männer lautstark. Einer der beiden schaute kurz auf, musterte den Neuankömmling, befand diesen wohl als uninteressant und stieg sofort wieder in die Diskussion mit seinem Gegenüber ein. Auf der anderen Seite des Raumes  flimmerte das Nachtprogramm von RTL über den Bildschirm eines alten Fernsehers. Hinter dem Tresen stand ein etwa 55 Jahre alter Mann. Das Geschirrhandtuch über seiner Schulter schrie ebenso nach einer Wäsche, wie seine strähnigen, grauen Haare. Das karierte Hemd spannte über seinem gewaltigen Bauch. Carsten fragte sich, wie lange die Knöpfe dieser Dauerbelastung noch standhalten würden.

„Was darfs sein?“ fragte der Mann hinter dem Tresen gelangweilt.

Eine gute Frage dachte sich Carsten, war er doch noch nie in seinem Leben so spät in einer Kneipe gewesen. Was bestellte man sich um 1 Uhr in der Frühe zu trinken? Carsten wusste es nicht. „Einen Kaffee, bitte“ antwortete er schließlich, um überhaupt etwas zu sagen. Kurze Zeit später fand sich Carsten vor einer Tasse mit einer mäßig warmen dunklen Flüssigkeit wieder, die geschmacklich tatsächlich entfernt Ähnlichkeit mit Kaffee hatte. Er nippte an seinem Getränk, während seine Gedanken dabei immer um dieselbe Frage kreisten: Was war geschehen? Eben noch hatte er auf Bahnsteig 4 im Raucherbereich gesessen, auf seinen Zug nach München gewartet und noch eine letzte Zigarette vor der Abfahrt rauchen wollen. Und nun hockte er hier in dieser Bahnhofskneipe vor einer Tasse Kaffee, anstatt im Speisewagen noch einen kleinen Absacker zu genießen, bevor er sich in sein Schlafwagenabteil begeben würde.

Er erinnerte sich an diese Zigarette und an das Bild des Zuges im Gleis. An die Lautsprecherdurchsagen. Und daran, dass er nicht einsteigen konnte. Irgendetwas schien ihn zurückzuhalten. Er war verwirrt. Für heute früh um 10 Uhr war die große Präsentation seiner Werbe-Kampagne angesetzt, an der er die letzten 2 Monate gearbeitet hatte. Sein Chef hatte ihm diesen Auftrag  damals zähneknirschend übertragen, weil kein anderer Kollege mit entsprechender Erfahrung zur Verfügung stand. Sein Boss hatte unmissverständlich klar gemacht, was von diesem Auftrag abhing. Für die Firma ebenso wie für Carsten persönlich. Er hatte sich nächtelang in diesen Auftrag verbissen. Dies war seine letzte Chance, in der Firma doch noch ein Stückchen weiter auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Er war sich sicher, sein Konzept war brillant. Jung, frech und doch seriös. Er konnte diesen Auftrag holen. Doch anstatt in den Zug zu steigen, war er tatenlos auf der Bank sitzen geblieben und hatte dem davonfahrenden Zug hinterher gesehen. Aus und vorbei. Er hatte verspielt. Sein Chef würde ihn lynchen, soviel stand fest.

„He, Jockel, mach mal den Ton lauter, da ist was passiert.“ Der Gast am Tresen deutete mit einem Kopfnicken zum Fernseher. Der Angesprochene kramte in einer Schublade nach der Fernbedienung. Carsten drehte sich um, fast im selben Augenblick begann sein Blut in den Adern zu gefrieren. Auf der Mattscheibe flimmerte eine Sondersendung. „… ereignete sich heute Nacht ein schweres Zugunglück, als kurz nach 2 Uhr der Nachtexpress CNL 1289 aus bisher noch ungeklärter Ursache zwischen Göttingen und Kassel entgleiste. Uns zugeschaltet ist nun mein Kollege…“.

Carsten hörte die Nachricht nicht mehr, konnte nur fassungslos auf den Bildschirm starren.  

           

Fast geräuschlos gleitet der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig ist leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er zündet sich eine Zigarette an und starrt dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner werden…

Carsten läuft wie jedes Jahr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Zum dritten Mal sitzt er nun auf dieser Bank, um sich an den Tag zu erinnern, an dem ihm sein Leben ein zweites Mal geschenkt wurde. „Herzlichen Glückwunsch, Carsten“, flüstert er und verlässt den Bahnsteig.

 

© 2008, Claudius Mann