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Zwiegespräch mit Gott

 

"Hallo.""Hmpfff.""Also, ich habe lange niemanden mehr angesprochen, aber ich bin mir trotzdem recht sicher, dass das nicht die Standardbegrüßung ist.""Wenn der Angesprochene Bier im Mund hat, dann schon."

"Ja, daran kann es liegen. Sag mal, willst du gar nicht wissen, wer ich bin?""Ich denke, das weiß ich schon."
"Wirklich?"
"Naja, immerhin habe ich ne Menge getrunken. Vermutlich sind meine Synapsen ein wenig angefressen und projizieren vor meinem mentalen Selbst eine Phantasiefigur meiner eigenen Gedankenstruktur."
"Aha..., äh.. wie bitte?"
"Du bist mein imaginärer Saufkumpan."
"Nein. Ich bin dein..."
"Ein rosa Plüschschweinchen vielleicht? Oh, ich hatte dich unterbrochen, tut mir leid. Rede weiter."
"Ich bin Gott."
"Das ist Unsinn!"
"Wie kommst du denn darauf?"
"Ich glaube nicht an Gott."
"Weißt du, wie +egal mir das ist?"
"Das ist dir egal? Immerhin existierst du für mich nicht und kannst somit nicht mit mir reden. Eigentlich müsstest du dich jetzt in einem Logikwölkchen auflösen."
"Logik ist was für Idioten. Soll ich dir vielleicht beweisen, dass ich Gott bin?"
"Wenn du dich dann besser fühlst."
"Ich kann sehen, was du gleich tun wirst: Du wirst mir gleich eine Frage stellen."
"Und was für eine Frage soll das bitteschön sein?"
"Na bitte. Bist du jetzt überzeugt?"
"Nein, denn ich glaube nicht an dich."
"Aha... da du eben gesagt hast, dass du nicht an mich glaubst, hast du damit auch indirekt zugegeben, dass ich Gott bin."
"Ich dachte, du magst keine Logik."
"Da habe ich gelogen."
"Dann kannst du aber nicht Gott sein. Gott lügt nicht."
"Wer sagt das?"

"Naja... das steht bestimmt irgendwo in der Bibel."
"Bibel? Dieses komische Buch aus Schweineleder? Das konnte ich noch nie leiden."
"Ach was... ich dachte immer, du hättest es geschrieben..."
"Ja, das denken viele... alles Idioten. Darf ich dir jetzt endlich sagen, warum ich hier bin?"
"Tu dir keinen Zwang an."
"Ich möchte dich bekehren. Der Alkohol wird dich noch irgendwann mal zugrunde richten."
"Jetzt klingst du genau wie meine Mutter."
"Eine kluge Frau."
"Sie ist tot."
"Aber sie war eine kluge Frau."
"Meine Mutter hat sich unter der Dusche die Haare geföhnt. Wie klug findest du das?"
"Naja... wenn du so direkt fragst... ich finde das ziemlich dämlich. Ist das der Grund für deinen Alkoholismus?"
"Weiß nicht. Sag du es mir. Immerhin behauptest du ja, Gott zu sein."
"Ich behaupte es nicht zu sein, ich bin es. Und du trinkst, weil du unglücklich bist."
"Nein, ich trinke, weil die Welt scheiße ist. Und du hast Schuld."
"Ja, das sagen alle."
"Dann muss auch was dran sein. Du hast ziemlich viel Mist gebaut in all den Jahren. Vorausgesetzt, du bist wirklich Gott."
"Ich baue nie Mist, da ich unfehlbar bin."
"Und was ist mit dem ganzen Elend auf der Welt? Warum ist mein Leben so scheiße?"
"Das ist eine Prüfung, die dich auf den rechten Weg zurück..."
"Ach, halt die Klappe!"
"Jetzt werd mal nicht pampig. Ich hatte euch damals das Paradies gegeben. Kann ich was dafür, wenn diese blöde Kuh den Apfel isst? Ich hab ihr klar gesagt, sie soll den Apfel nicht essen. Und was macht sie? Sie isst den Apfel! So blöd kann doch keiner sein!"
"Die Sache mit dem Apfel ist eine Lüge und das weißt du! Alles nur Propaganda, um uns Menschen bei der Stange zu halten."
"Nein, die Geschichte ist wahr. Ich war schließlich dabei und habe es gesehen. Und wenn ich das sage, ist es wahr, denn ich bin unfehlbar."
"Wenn das so ist, warum muss ich dann für die Sünde der ollen Eva büßen? Das ist hunderte Jahre her, Mann!"
"Ja, da ist wirklich was dran... so habe ich es noch nie betrachtet... Gut, dann sei es."
"Dann sei was?"
"Das Paradies. Ich habe soeben beschlossen, euch Menschen eine zweite Chance zu geben. Gleich morgen werdet ihr wieder im Paradies aufwachen. Keine Schmerzen werdet ihr mehr spüren. Hass, Habgier und Neid werden nicht mehr existieren, alles wird gut sein."
"Oh... gut... vielen Dank."
"Nichts zu danken. Immerhin bin ich ein gnädiger Gott."
"Wer sagt das?"
"Jesus."
"Der war ja auch dein Sohn. Das zählt nicht. Übrigens, wie hast du Maria eigentlich damals geschwängert?"
"Wenn ich das noch wüsste... es war eine lange Nacht und ich war betrunken. Ich weiß nur noch, dass es eine tolle Sache war. Seitdem habe ich es nicht mehr hinbekommen."
"Du bist inkonsequent. Selbst ein Kind im Suff zeugen und mir den Alkohol verbieten..."
"Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Seitdem rühre ich keinen Tropfen mehr an... oh, es ist spät. Gleich Mitternacht, ich muss nach Hause, sonst macht mir der Himmelspförtner wieder die Hölle heiß."
"Warte! Eine Frage habe ich noch. Wenn du wirklich Gott bist, was ist eigentlich der Sinn des Lebens?"
"Das willst du wissen? Na gut, ich werde es dir sagen. Der Sinn des Lebens ist..."

In diesem Moment schlug die Uhr Mitternacht und das Paradies hielt Einzug auf Erden.

 

© Claudius Mann, 2013